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Erfahrungen aus einer Kur

Wie war es wirklich auf der Kur?


'Morgens Fango, abends Tango'

Mit guten Wünschen von der Frau
"Bleib sauber, lass nicht raus die Sau"
geht's zum Bahnhof, geht's zur Kur.
Dort angekommen, denk ich nur
angesichts der Atmosphäre
"Wenn ich doch zu Hause wäre".

Denn schon am Eingang kann man lesen:
Vierzellenbad, Iontophoresen,
Interferenz und Ultrawelle,
Stangerbad aus eigner Quelle.
Gepriesen wird die Lymphdrainage,
Unterwasser-, Jobstmassage,
Bio-Feedback, Jacobson,
autogenes Training von
dem berühmten Doktor Schulz,
Terraintraining für den Puls,
Siretherm und Mikrowelle,
Wassertreten auf der Stelle,
Psychotherapie in Gruppen,
Infrarotlicht (gegen Schuppen?).

Und die Liste setzt sich fort.
"Nichts wie weg von diesem Ort",
denkt sich der inn're Schweinehund.
Doch andrerseits, wirst du gesund,
wenn du tapfer hier vier Wochen,
mutig und ununterbrochen,
alles mit dir machen lässt?
Das stellst du hinterher erst fest!

Also rein in das Vergnügen,
Größe messen und dann wiegen,
Blutentnahme, viermal gleich!
Beim Anblick werde ich ganz bleich!
"Das ist das Ende der Tortur,
jetzt", so die Schwester, "folgen nur
angenehme Prozeduren,
das, was man versteht als 'kuren'".

Diese Botschaft hör ich wohl,
ob ich daran auch glauben soll?

Das Abendbrot - phänomenal!
Wer will, der kriegt ein zweites Mal!
Die Stimmung steigt, sie wird gar heiter.
Hoffentlich geht das so weiter.
Doch eingefleischte Kurexperten
sagen mir: "Wetten, Sie werden
morgen in der Quarkstraß' sitzen".
Ich lauf rot an, ich komm ins Schwitzen.
Doch letztlich sieget der Verstand.
Es ist doch klar, liegt auf der Hand:
"Willst eng're Kleidung du anziehen,
musst sparsam sein mit Kalorien".

Am nächsten Tage, voll Elan,
Mist, schon fängt die Suche an!
Kneippsche Güsse in U3,
direkt am Kiosk rechts vorbei.
Dann nichts wie hin zur Teilmassage,
gleich nebenan in der Passage,
im Sauseschritt zum EKG,
denn das geschieht im Komplex C.
Danach wirst höflichst du gebeten,
zur Untersuchung anzutreten.
Der Arzt, er sitzt im dritten Stock,
nicht hier, sondern im andern Block!
Endlich, fast hätte ich's vergessen,
winkt nun auch das Mittagessen.

Ein Teller - schön garniert - mit Fisch,
leider für den Nebentisch!
Für mich Gemüse, nur gegart,
an Gewürzen schwer gespart.
Nach dem Essen dann A.T.,
vom langen Sitzen tun mir weh
südlich des Zwerchfells alle Glieder.
Ich in die Kur? Danke nie wieder!

Bald weicht die Hektik der Routine,
ich kenn die Orte, die Termine.
Gelassen geh ich zur Massage,
nichts kann mich bringen noch in Rage.
Wassertreten, ein Genuss,
fast süchtig bin ich auf den Guss,
den Kneippschen, der so herrlich prickelt,
dann, dick in Decken eingewickelt,
Fango, das schwarze Zeug am Rücken.
Ich schwärme, denke voll Entzücken
an mein Befinden in drei Wochen,
hab ich doch meiner Frau versprochen,
heimzukommen rank und schlank
und möglichst auch weniger krank!

Rasch vergeht jetzt Stund' um Stunde,
Fast hörbar purzeln meine Pfunde.
Und ehe ich mich recht versehe,
zur Heimfahrt ich am Bahnhof stehe.
Zurück denk ich mit froher Miene
an diese Menschenheilmaschine.

Doch halt, fast hätt' ich ihn vergessen,
den Tango nach dem Abendessen.
Denn unvollständig ist die Kur,
betrachtet man die Tage nur!
Das Angebot ist riesengroß.
Gleich nach dem Essen geht es los,
denn um halb elf ist Zapfenstreich.
Wohin gehen wir nur gleich,
zu Marlies, Uschi, zum Kamin?
Nein, lasst uns in die Botschaft zieh'n,
oder besser in den Keller,
der liegt ganz nah, das geht viel schneller.
Denn äußerst wenig Zeit bleibt nur
zur Schattensuche in der Kur.

Und daher, schon nach wen'gen Tagen
sieht man, dass manche Hörner tragen,
von jenen die gekommen sind,
zum Teil mit Kegel und mit Kind,
um mit dem Partner, der so 'einsam',
zu verbringen jetzt gemeinsam
ein, zwei Tage oder mehr.
Der Abschied fällt nicht allen schwer!

An jene, die sich amüsieren
und dabei nicht den Halt verlieren,
obwohl in großer Übermacht,
wird leider selten nur gedacht.
Sie prägen doch das wahre Bild:
Tango am Abend - halb so wild.


Der Traum

Schweißgebadet in der Nacht
bin ich neulich aufgewacht.
Stand doch auf der Speisekarte
"Filets vom Rind, besonders zarte,
mit Kroketten und Gemüse;
zum Dessert besonders süße
Erdbeerschnitten leicht flambiert".
Ein Hochgenuss war garantiert!
Als Entrée zuerst zwölf Schnecken,
dies soll den Appetit mir wecken.
Dazu ein Wein aus dem Burgund
in Maßen sicher sehr gesund.
Doch dann, oh Graus, mich laust der Affe,
der Ober bringt eine Karaffe,
randvoll mit Tomatensaft.
Danach hat er herangeschafft,
ich glaube fast, mich sticht die Motte,
fein garniert eine Karotte!


Zur Ehrenrettung

Das Gros der Leute - Gott sei Dank*,
war - wie man sah - eindeutig krank.
Und hatte auch den festen Willen,
wegzukommen von den Pillen.
Sie plagten sich von früh bis spät
damit der Bauch, der Schmerz weggeht.

*Doch warum nur das 'Gott sei Dank'?
Ja, wären wirklich wen'ger krank,
so könnt man reden nicht vom Kuren,
sondern nur vom rum zu ... gammeln.


© Wolfgang Raith